Archiv für den Monat: Mai 2012

Ein Tag als Rettungssanitäter in New York

Letzte Woche habe ich mir einen kleinen Traum erfüllt. Nach meinem Jahr als Sanitäter beim DRK und zwei Jahren als Student in den USA wollte ich die beiden unbedingt mal kombinieren. Seit Beginn war ich auf der Suche nach einer Connection in den Rettungsdienst. Diese habe ich dann dieses Semester auch gefunden, in Form eines Kommilitonen an meiner Uni.

Ich habe am Dienstag dann zwei EMTs (Emergency Medical Technician, vergleichbar mit einem deutschen Rettungssanitäter) 11 Stunden auf der Tagschicht begleitet. Die Rettungswache war zwischen der Upper East Side (ein sehr teures Wohngebiet) und Harlem (dem recht kriminellen und runtergekommenen Gebiet im Norden Manhattans) im Mount Sinai Hospital angesiedelt. Das bediente Gebiet ist sehr klein, im Vergleich zu Bad Dürkheim, allerdings ist die Bevölkerungsdichte auch viel höher.

Im Folgenden erst ein kleines Tagesprotokoll, gefolgt von einigen Observationen und Vergleichen zu Deutschland:

  • 7:00am: Schichtbeginn und Vorstellung im Krankenhaus
  • 7:43am: Erster Einsatz. Unkontrollierte verwirrte Person in einer U-Bahnstation. Ein Obdachloser der wenige Minuten zuvor illegale Drogen konsumiert hatte. Transport mit Polizei ins Krankenhaus.
  • 9:10am: Darmverstopfung in einem Altenheim. Patient spricht kein Englisch und verweigert Transport. Behandlungsverzichtserklärung unterschrieben.
  • 10:00am: Herz-Kreislaufstillstand im selben Haus. Reanimation und Beatmung. Leider ohne Erfolg.
  • 10:45am: Materialaufstockung im Krankenhaus.
  • 11:02am: Arterieller Verschluss im linken Bein. Erneut im Altenheim. Patient ist blind und spricht kein Englisch. Kommunikation schwierig. Transport ins Krankenhaus.
  • 12:08pm: Vasovagale Synkope. Übelkeit und Schwindel eines Feuerwehrmanns. Transport ins Krankenhaus.
  • 1:29pm: Gefangenentransport mit Polizeibegleitung. Patient ist auf dem Weg in eine Psychiatrie aus einem fahrenden Rettungswagen gesprungen, wurde von der Polizei festgenommen und in unserem Wagen weitertransportiert.
  • 3:14pm: Verkehrsunfall. Leichte Verletzungen durch Airbag. Transport ins Krankenhaus.
  • 4:00pm: Erste Pause des Tages. Kurzes Mittagessen vom Supermarkt.
  • 4:38pm: Geistig verwirrte Person. Jugendlicher Patient aus den „Projects“ in Harlem. Transport ins Krankenhaus
  • 6:00pm: Schichtende

Es gab definitiv genug zu tun an dem Tag. Die primären Zeitfresser waren allerdings der starke Verkehr in New York und die Wartezeit in der Notaufnahme. So konnte es schon mal fünfzehn Minuten bis zur Ankunft am Einsatzort und über dreißig Minuten zur Patientenanmeldung dauern. Hier ein paar Punkte die mir aufgefallen sind:

  • Der Rettungsdienst ist keine Staatsache. Eine Gesellschaft muss zwar als EMS (Emergency Medical Services) zertifiziert sein, aber es gibt hunderte verschiedene Rettungsgesellschaften. Alle haben andere Vorschriften, Uniformen und Geräte und operieren meist von einem Krankenhaus aus.
  • Es gilt fast immer Quantität vor Qualität. In Deutschland sind meist zwei Sanitäter auf einem Einsatz, bei einem echten Notfall noch ein Notarzt und sein Assistent. Aber in den USA sind teilweise fünf oder sechs Sanitäter vor Ort. Und dazu noch mindestens vier Polizisten. Fast immer sind Polizisten mit am Ort.
  • Die Wartezeiten in den Krankenhäusern sind enorm, selbst für den Rettungsdienst. Laut einem Arzt in der Notaufnahme ist die durchschnittliche Wartezeit für einen Notfall in New Yorker Krankenhäusern ca. zwei Stunden. Für Nicht-Notfälle sieben Stunden. In jedem Krankenhaus waren in der Notaufnahme mindestens vier weitere Sanitäterteams vor uns in der „Schlange“. Das liegt zum Teil an der Rettungsstrategie. In Deutschland ist es: „Möglichst vor Ort versorgen“. Hier ist es „Load and Go“, also egal was ist, einladen und am Krankenhaus deponieren.
  • Die Hygienevorschriften sind wesentlich lockerer als in Deutschland. Kontaktflächen werden nach Patiententransport nicht desinfiziert und es werden nicht immer Handschuhe getragen
  • Die Befugnisse sind stark beschnitten. Statt Kranken- und Rettungswagen gibt es BLS und ALS (Basic Life Support und Advanced Life Support). BLS dürfen weniger machen als Rettungssanitäter in Deutschland. D.h. nicht einmal Blutzucker messen. ALS dürfen hingegen sogar mehr als Rettungsassistenten in Deutschland. D.h. Medikamente ohne Notarzt geben.
  • Die Freundlichkeit lässt oft zu wünschen übrig. Die Sanitäter sind oft ruppig und ungeduldig. Aber meine Stichprobe ist viel zu klein, um das abschließend sagen zu können.
  • Signal und Horn werden nach Lust und Laune benutzt. Was in Deutschland Leitstellengenehmigung benötigt ist in New York situationsabhängig. Wenn starker Verkehr ist wird auch gerne bei Nicht-Notfällen das Signal verwendet. Zudem ist das Geräusch nicht zweitönig wie in Deutschland, sondern höchst variable, je nach Laune. Das Horn hat sechs verschiedene Töne die nach Belieben auch alle gleichzeitig ein Konzert von sich geben können. HIER gibt es eine kleine Vorschau dazu.
  • Es gibt im Prinzip keine Rettungswache, außer einem kleinen Bürozimmer im Krankenhaus. Zwischen Einsätzen verbringt man Zeit im Rettungswagen und spielt mit dem Handy. Teilweise auch während der Fahrt! Und der Motor läuft immer!
  • Der Gebrauch von Technologie ist 1A. Alle Wagen sind mit GPS und Bordcomputern ausgestattet. Alles läuft digital. Man kann sogar in den 911-Anruf reinhören.
  • Der Typ Mensch ist sehr ähnlich. Gewiefte Scherzbolde, teils ruppig und arrogant, aber sehr herzlich und weltnah. Gebrauch von vielen Schimpfwörtern und doppeldeutigen Witzen. Durchaus witzig!

Es war auf jeden Fall eine spannende Zeit und in New York wird einem als Sanitäter sicherlich nie langweilig.

MBA-Studium abgeschlossen

Es ist vorbei. Am Montag habe ich meine letzte Klausur geschrieben und heute mein letztes Paper abgegeben. Kaum zu glauben, dass nun zwei Jahren (bzw. 21 Monate, um genau zu sein) schon rum sind. Ich habe mal anhand Kalender und Uniunterlagen ein paar Statistiken erstellt:

  • 262 Tage in der Uni verbracht
  • 419 Kilometer zur und von der Uni zu Fuß gelaufen
  • 22 Kurse belegt
  • 927 Stunden in der Vorlesung gesessen
  • 60 Papers mit einer Summe von 467 Seiten geschrieben (ca. 8 Seiten pro Paper)
  • 85 Case Studies bearbeitet
  • 26 Präsentationen gehalten
  • 25 Klausuren geschrieben
  • 26 Unternehmenspräsentationen besucht
  • 6 Werksbesichtigungen absolviert
  • 18 Jobinterviews mit 9 Firmen geführt

Ich hatte eine geniale Zeit an der Rutgers Business School und werde die Uni und die Leute sehr vermissen. Selten habe ich so viele spannende Sachen in so kurzer Zeit unternommen. Praxisnähe ist den Amerikanern wirklich von vorne bis hinten auf die Stirn geschrieben und ich habe es genossen.

Nächste Woche kommt dann meine Familie in die USA, worauf ich mich sehr freue! Und am 14. Mai ist dann meine offizielle Abschlussfeier, die ami-typisch ziemlich bombastisch sein wird. Anschließend geht es dann auf in den Süden zum Roadtrip! Details folgen.