Archiv für den Monat: August 2013

Drei Jahre in der Zusammenfassung

Über drei Jahre war ich in den USA. Drei Jahre und zehn Tage um genau zu sein. Ursprünglich geplant waren nur knapp zwei. Nun wünsche ich mir ich wäre noch länger hier geblieben. Ich habe Deutschland verschmerzlich vermisst, aber hier gibt es so viel zu erleben. „Zeit“ ist ein spannendes Phänomen. Sie vergeht langsam und schnell zugleich. Es kommt mir vor als wäre es gestern gewesen, dass ich am 13. August 2010 am Flughafen saß und mit den Tränen kämpfte. Mit einem Bachelor-Abschluss und drei Koffern bewaffnet auf ins unbekannte Land. Nun sitze ich wieder am Flughafen. Dieses Mal aber mit einem Master-Abschluss, einem klasse Job und einer Umzugsfirma, die mein ganzes Gepäck – das schon lange nicht mehr in drei Koffer passt – für mich verschickt.

Ein passender Moment, um meinen Aufenthalt Revue passieren zu lassen, und zwar in Zahlenform:

Zeit:

  • Tage in den USA: 960 (oder 137 Wochen, oder 33 Monate), nach Abzug meiner Deutschlandaufenthalte
  • Längste Zeit ununterbrochen in den USA: 353 Tage
  • Besuchte Bundesstaaten (ohne Übernachtung): 25 (bzw. 26 inkl. DC) –> 50%
  • Besuchte Bundesstaaten (mit Übernachtung): 18 (bzw. 19 inkl. DC) –> 36%
  • Bundesstaaten mit Wohnsitz: 3 (New Jersey, New York, North Carolina)

Distanzen:

  • Kilometer gefahren: 29.391km. Davon 5.000km Roadtrip, 2.665km sonstige Mietwagen, 21.726km in eigenem Auto (davon 13014 zum/vom Buero) (insgesamt 6.3 Mal von Küste zu Küste)
  • Anzahl Mietwagen: 11
  • Kilometer geflogen: 97.312km (oder 2.4 Erdumrundungen)
  • Anzahl Inlandsflüge: 30
  • Anzahl Transatlantikflüge: 10
  • Anzahl Fluglinien bereist: 8 (Nach Häufigkeit: United Airlines, Delta Airlines, American Airlines, US Airways, Lufthansa, Spirit Airlines, Singapore Airlines)

Arbeit:

  • Tage im Büro gearbeitet: 282
  • Stunden am Telefon verbracht (geschätzt): 976 (oder 40 Tage ununterbrochen)
  • Anzahl Offices besucht: 11 (3x New York City, 5x New York State, 1x North Carolina, 2x Deutschland)
  • Anzahl Powerpoint Präsentationen erstellt: 63 (mit je ca. 18 Folien)

Essen und Trinken:

  • Anzahl Restaurants besucht: 189 (exkl. Ketten)
  • Besuche bei Starbucks: 82

Und zum Schluss noch die Sachen die ich von meiner persönlichen „Bucket List“ streichen konnte (inkl. Links zu den entsprechenden Blogeinträgen):

Redneck Golf

Letzten Samstag konnte ich ein weiteres Erlebnis von meiner „Amerika-Liste“ streichen: Schießen gehen. Die Vereinigten Staaten sind bekannt für ihre laxen Waffengesetze, da das Grundgesetz im zweiten Zusatzartikel jedem Bürger das Recht einräumt eine Waffe zu besitzen. Entsprechend locker wird mit dem Thema umgegangen, vorallem im Süden. Viele meiner Kollegen hier besitzen eine, wenn nicht sogar mehrere Waffen, die man ohne größere Probleme im Einzelhandel kaufen kann, solange man einen Personalausweis vorlegen kann und nicht vorbestraft ist. Auch wenn ich mit der Gesetzgebung nicht einverstanden bin, so gehört es doch zur „American Experience“ dazu mal auf dem Schießplatz gewesen zu sein.

Zusammen mit Mandy, einigen Arbeitskollegen (und witzigerweise meinem Chef) trafen wir uns Samstag Mittag auf dem Schießplatz ca. eine Stunde südlich von Raleigh, um Tontauben zu schießen. Schon auf dem Parkplatz wurde mir klar, dass dies eine authentische Erfahrung werden würde. Weit und breit waren nur große Pickups zu sehen und das Klientel bevorzugte wild wuchernde Bärte, Zigaretten, ärmellose Hemden, Schirmmützen und verspiegelte Sonnenbrillen. Glücklicherweise tauchten wenige Minuten später schon meine Kollegen auf. Waffen hatte nur einer mitgebracht. Dafür gleich fünf Stück. Das Schießeisen der Wahl war die Schrotflinte, bzw. für mich die Remington 870, 12-Gauge SuperMag. Allein der Anblick der Waffen machte mich etwas mulmig. Ich hatte keine Erfahrung mit Schusswaffen und wusste nicht so recht wie damit umzugehen ist. Aber Mandy und meinen Kollegen ging es ähnlich. Von den acht Anwesenden hatten nur zwei bereits Erfahrung.

Gemeinsam gingen wir Richtung „Clubhouse“ wo die Rezeption war. Dort hinterlegten wir unsere Personalausweise, unterschrieben die Verhaltensregeln – samt Haftungsausschlussklausel – und kauften Munition. 50 Patronen pro Person, für nur $18… Anschließend wurden wir zwei Golfmobilen zugeteilt, mit denen wir die Schießstationen abfahren konnten. Insgesamt gab es dreizehn Stationen die in einem Waldstück verteilt waren. Die erste Station war zum Üben und Lernen da, mit zwei Probeschüssen (einer pro Tontaube) pro Person. Die restlichen Patronen wurden auf die verbleibende zwölf Station aufgeteilt, sodass man je Runde vier Schuss hatte.

An der Übungsstation stand ein ehemaliger Gunnery Sergeant der US-Marine (Spitzname „Gunny“) der mit südlichen Akzent und im Militärton die Regeln runterratterte: „Stand here! Look there! Don’t do this! Remember to press this button before you do this! Don’t put your shells here and never point your gun there! Wait for five seconds and then do this! But don’t wait too long or you’ll miss! Got it?“ Ich war komplett verwirrt und als ich an der Reihe war fühlten sich meine Arme an als wären sie aus Gummi. Mein Herz raste und meine Hände waren schwitzig. Das geladene Gewehr war sehr schwer und ich hatte Probleme überhaupt in die richtige Richtung zu zielen. Ich hatte Ohrstöpsel drin und verstand die näheren Anweisungen nur bruchstückhaft. Aber bevor ich weiter nachdenken konnte flog auch schon die erste Tontaube durch die Luft. Ich drückte ab ohne richtig zu zielen und ein heftiger Stoß ging mir durch den Kopf und Oberkörper. Natürlich hatte ich das Ziel meilenweit verfehlt… Und dann ging auch schon die zweite Tontaube in die Luft…. und unversehrt wieder runter. Ich hatte vergessen durchzuladen. Nach etwas mehr Anweisung zog ich den Kolben mit der linken Hand hart zurück und die leere Patrone sprang rauchend in die Luft und fiel auf den Waldboden. Dann wieder vor mit einem metallischen Klicken. Ich war bereit für den zweiten Schuss…. der leider auch ins Leere ging. Immerhin kam ich mit dem Rückstoß dieses Mal besser zurecht. Ich legte das Gewehr hin und ging mit wackligen Knien zurück zu der Gruppe.

Den anderen erging es ähnlich unangenehm, abgesehen von den zwei Erfahrenen….. und Mandy. Ihr erste Schuss war direkt ein Treffer und ich glaube sie selbst war erstaunter als die Zuschauer. Nachdem alle ihre Probeschüsse abgefeuert hatten fing dann endlich der Spaß an. Das Eis war gebrochen und die Aufregung legte sich. Jeder wusste nun was zu tun war und kam mit der Situation besser zurecht. Auf ging es zurück in die Golfmobile und auf einem Feldweg zu Station 2.

Die Szenerie war etwas anders. Diesmal mit einem kleinen See und einer erhöhten Plattform. Die Tontauben kamen aus zwei verschiedenen Richtungen und ich verfehlt alle vier. Doch das machte nichts. Mit jedem Schuss lernte ich und wurde selbstsicherer. Alle waren sehr vorsichtig, hielten sich an die Regeln, zielten immer in den Himmel oder weg von Menschen, entsicherten die Waffen nur kurz vor dem Schuss und stellten sicher, dass keine der Flinten geladen die Plattform verließen. Es standen immer zwei Personen auf der Plattform: Ein Schütze und ein Assistent. Der Assistent saß am Schalter, der die Tontauben abfeuerte, und versorgte den Schützen mit Munition. Alle anderen standen einige Meter weiter hinten.

Nach zwei Stunden waren wir alle eingespielt und hatten richtig Spaß. Ich hatte auch endlich was getroffen und meine Trefferquote auf erstaunlich gute 30-40% gesteigert. Da wir viele Leute waren und immer nur einer schießen konnte wurde viel geredet. Gesprächsthemen waren in der Regel auf Waffen fokussiert. Es war spannend so viel über ein komplett fremdes Themengebiet zu lernen. Auch wenn ich nun nach dem Erlebnis die irrationale Angst vor Schusswaffen abgelegt habe, verbleibt doch ein großer und unerschütterlicher Respekt. Mit diesen Dingern ist im Alltag nicht zu spaßen!

Aber in einer kontrollierten Umgebung mit den richtigen Leuten kann man schon den einen oder anderen Tag verbringen. Die verschiedenen Stationen im Wald, die Golfmobile, die Dauer und die Waffen inspirierten mich diese Freizeitbeschäftigung „Redneck Golf“ zu taufen.