Schlagwort-Archive: China

Dalian, China (大连,中国)

Ende Juni ging es für mich geschäftlich für eine Woche nach Dalian. Eine Stadt mit ca. 8 Millionen Einwohnern nur ca. 200km von Nordkorea entfernt. Mein erstes Mal in China! Und alles lief wie erwartet: Flug verspätet, Gepäck verloren, stundenlange Staus auf den Straßen, sonnenauslöschender Smog, kein Englisch und unidentifizierbares Essen. Dennoch verlief die Zeit gut und ich hatte viel Spaß. Viel erlebt in kurzer Zeit. Und ich konnte sogar (bzw. musste) meine Chinesisch-Kenntnisse anwenden.

Chinesisches Neujahrsfest

Der 31. Januar 2014 war ein wichtiger Tag in Asien. Er markierte den Beginn des neuen Jahres gemäß dem chinesischen Kalender. Obwohl China seit 1929 den gregorianischen Kalender nutzt, wird der traditionelle Kalender (der schon vor Christi Geburt in Kraft trat) auch heute noch zur Festlegung der Nationalfeiertage verwendet. Die Zeit wird per Mond- und Sonnenzyklen bestimmt, d.h. ein Monat hat zwischen 29,4 und 31,4 Tage, wodurch der Jahresbeginn jedes Jahr um ca. zehn Tage vorrückt, bis er alle 2-3 Jahre durch einen Schaltmonat wieder 30 Tage zurückspringt. D.h. das chinesische Neujahr fällt immer zwischen den 21. Januar und den 21. Februar. Und anders als der gregorianische Kalender hat der chinesische keine Jahreszahlen, sondern Zeichen, die sich in einem 60er-Jahreszyklus wiederholen. Sie ergeben sich aus der Kombination von zehn Himmelselementen (in 2014 „Holz“) und zwölf Tieren (in 2014 „Pferd“).

Obwohl die Tradition ursprünglich aus China kommt erkennen auch andere Länder in Asien den traditionellen Jahresbeginn an. So zum Beispiel Hong Kong, Taiwan, Thailand, Indonesien, Malaysia, die Philippinen, und natürlich auch Singapur. Obwohl die Festlichkeiten zwei Wochen andauern bekommen die Menschen in der Regel nur zwei Tage frei, doch in China sieht es anders aus. Dort hat man zwar zwischen 7 und 10 Tage frei, allerdings muss man dafür das darauffolgende Wochenende opfern. D.h. dieses Jahr hatten die Chinesen vom 31. Januar bis zum 9. Februar frei, mussten dann allerdings zwölf Tage ohne Wochenende bis zum 14. durcharbeiten. Verrückt…

Das chinesische Neujahrsfest ist den Chinesen sehr wichtig. Es ist das wichtigste Fest des Jahres und ist grob mit unserem Weihnachtsfest zu vergleichen. Im Mittelpunkt stehen die Familie und der Respekt vor den Älteren. So begeben sich alle Familien am letzten Abend des alten Jahres zu den Großeltern, wo groß gemeinsam gegessen wird. Anschließend erzählen die Alten den Kindern Geschichten und es werden Spiele gespielt. Am liebsten Mah-Jongg, ein bekanntes chinesischen Gesellschaftsspiel das ein bisschen aussieht wie Domino. Kurz vor Mitternacht geht man dann auf die Straße, schaut sich das Feuerwerk an und wünscht sich „gong xi fa cai“ (Viel Glück und Wohlstand).

Doch dann geht man zügig ins Bett, da die nächsten zwei Tage ein straffes Programm angesagt ist. Dann werden nämlich sämtliche Verwandte besucht; eine Familie nach der anderen. Entsprechend ist in ganz Asien während dieser Zeit ein wahnsinniger Verkehr auf den Straßen (und in der Luft). In China sitzen Familien teilweise sogar mehrere Tage im Stau, da sie oft lange Strecken zurücklegen müssen und sich die Straßen mit knapp 1,3 Milliarden anderen teilen.

Neben Familie geht es auch um Glück und Wohlstand. So steht am Ende des alten Jahres ein Frühjahresputz an, an dem alle Fenster und Türen geöffnet werden, um Platz für das Neujahresglück zu machen. Zudem wird meist Fisch gegessen, da das Wort für Fisch im chinesischen fast genauso klingt wie „Wohlstand“. Wichtig ist natürlich den Fisch nicht ganz aufzuessen, um nicht das ganze Glück aufzubrauchen. Diese Feinheiten finden sich überall, z.B. auch in der Geometrie oder im Zahlensystem. Kreise, Symmetrien und Paare werden bevorzugt, da sie Unendlichkeit, Einheit, und Organisation wiederspiegeln. Entsprechend sind auch gerade Zahlen, „0“ und „8“  beliebt. Bei mir im lokalen Supermarkt gab es ein Gewinnspiel, wo man S$8.888, bzw. S$2.222 gewinnen konnte.

Eine weitere (weniger stressige) Tradition ist die Vergabe von „Hong Bao“, wörtlich „roter Umschlag“. Diese Umschläge werden mit Geldscheinen gefüllt und von verheirateten Familienmitglieder an unverheiratete weitergegeben. (Natürlich muss die Summe der Scheine eine gerade Zahl sein.) Der genaue Ursprung ist umstritten, aber der Sinn ist den Kindern ewige Jugend zu wünschen. Auch ich hatte in den letzten Jahren von Mandys Familie am Neujahr solche Umschläge erhalten.

Obwohl man in den meisten Ländern nur ein paar Tage frei hat, so geht das Neujahresfest ganze fünfzehn Tage lang. So finden in den Städten täglich Lichtspiele, Konzerte und kleinere Tanzvorführungen statt. Speziell in Singapur, Malaysia und Indonesien gibt eine zusätzliche Tradition, die die dort ansässigen Chinesen ins Leben gerufen haben: Das „Lo Hei“ Essen, wörtlich übersetzt „der Wohlstands-Wurf“. Meine Firma hatte ein entsprechendes Zusammentreffen organisiert und ich durfte zum ersten Mal an dieser Tradition teilhaben:

Alle gesellen sich (in meinem Fall in einem Restaurant) um einen runden Tisch auf dem ein großer leerer Teller steht. Daneben stehen viele kleine Schüsseln mit Zutaten, die entweder phonetische Ähnlichkeiten mit Glücksbegriffen haben, z.B. Fisch (= Wohlstand) und Rettich (= Jugend), oder visuelle Ähnlichkeiten, so z.B. Erdnusspulver (Goldstaub) und eckige Chips (Goldbarren). Diese werden von der Bedienung lautstark benannt und auf den Teller gekippt. Wenn alle Zutaten auf dem Teller sind nehmen alle am Tisch ihre Stäbchen in die Hand und auf „Drei“ werfen alle gemeinsam die Zutaten wieder und wieder in die Luft. Dabei schreien sie laut ihre Wünsche fürs neue Jahr bis alles gut durchmischt ist (und die Hälfte auf dem Tisch oder dem Boden gelandet ist…). Anschließend wird dieser „Salat“ aufgeteilt und gegessen. Der Geschmack ließ zwar zu wünschen übrig, aber eine einmalige Erfahrung war es auf jeden Fall.

Die Kultur in Asien hat wirklich viel zu bieten, bzw. teilweise sogar mehr als die unsere. Als „Westlicher“ bleibt einem so einiges verborgen und ich hoffe noch viel mehr solcher Einblicke in meiner Zeit hier zu erlangen.