{"id":764,"date":"2012-05-06T22:18:45","date_gmt":"2012-05-06T20:18:45","guid":{"rendered":"http:\/\/martin-esser.eu\/blog\/?p=764"},"modified":"2012-05-06T22:19:18","modified_gmt":"2012-05-06T20:19:18","slug":"ein-tag-als-rettungssanitater-in-new-york","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/martin-esser.eu\/blog\/2012\/05\/ein-tag-als-rettungssanitater-in-new-york\/","title":{"rendered":"Ein Tag als Rettungssanit\u00e4ter in New York"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche habe ich mir einen kleinen Traum erf\u00fcllt. Nach meinem Jahr als Sanit\u00e4ter beim DRK und zwei Jahren als Student in den USA wollte ich die beiden unbedingt mal kombinieren. Seit Beginn war ich auf der Suche nach einer Connection in den Rettungsdienst. Diese habe ich dann dieses Semester auch gefunden, in Form eines Kommilitonen an meiner Uni.<\/p>\n<p>Ich habe am Dienstag dann zwei EMTs (Emergency Medical Technician, vergleichbar mit einem deutschen Rettungssanit\u00e4ter) 11 Stunden auf der Tagschicht begleitet. Die Rettungswache war zwischen der Upper East Side (ein sehr teures Wohngebiet) und Harlem (dem recht kriminellen und runtergekommenen Gebiet im Norden Manhattans) im Mount Sinai Hospital angesiedelt. Das bediente Gebiet ist sehr klein, im Vergleich zu Bad D\u00fcrkheim, allerdings ist die Bev\u00f6lkerungsdichte auch viel h\u00f6her.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-765\" title=\"rettungsgebiet\" src=\"http:\/\/martin-esser.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/rettungsgebiet-640x399.png\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"399\" srcset=\"https:\/\/martin-esser.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/rettungsgebiet-640x399.png 640w, https:\/\/martin-esser.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/rettungsgebiet-300x187.png 300w, https:\/\/martin-esser.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/rettungsgebiet.png 1178w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Im Folgenden erst ein kleines Tagesprotokoll, gefolgt von einigen Observationen und Vergleichen zu Deutschland:<\/p>\n<ul>\n<li>7:00am: Schichtbeginn und Vorstellung im Krankenhaus<\/li>\n<li>7:43am: Erster Einsatz. Unkontrollierte verwirrte Person in einer U-Bahnstation. Ein Obdachloser der wenige Minuten zuvor illegale Drogen konsumiert hatte. Transport mit Polizei ins Krankenhaus.<\/li>\n<li>9:10am: Darmverstopfung in einem Altenheim. Patient spricht kein Englisch und verweigert Transport. Behandlungsverzichtserkl\u00e4rung unterschrieben.<\/li>\n<li>10:00am: Herz-Kreislaufstillstand im selben Haus. Reanimation und Beatmung. Leider ohne Erfolg.<\/li>\n<li>10:45am: Materialaufstockung im Krankenhaus.<\/li>\n<li>11:02am: Arterieller Verschluss im linken Bein. Erneut im Altenheim. Patient ist blind und spricht kein Englisch. Kommunikation schwierig. Transport ins Krankenhaus.<\/li>\n<li>12:08pm: Vasovagale Synkope. \u00dcbelkeit und Schwindel eines Feuerwehrmanns. Transport ins Krankenhaus.<\/li>\n<li>1:29pm: Gefangenentransport mit Polizeibegleitung. Patient ist auf dem Weg in eine Psychiatrie aus einem fahrenden Rettungswagen gesprungen, wurde von der Polizei festgenommen und in unserem Wagen weitertransportiert.<\/li>\n<li>3:14pm: Verkehrsunfall. Leichte Verletzungen durch Airbag. Transport ins Krankenhaus.<\/li>\n<li>4:00pm: Erste Pause des Tages. Kurzes Mittagessen vom Supermarkt.<\/li>\n<li>4:38pm: Geistig verwirrte Person. Jugendlicher Patient aus den \u201eProjects\u201c in Harlem. Transport ins Krankenhaus<\/li>\n<li>6:00pm: Schichtende<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es gab definitiv genug zu tun an dem Tag. Die prim\u00e4ren Zeitfresser waren allerdings der starke Verkehr in New York und die Wartezeit in der Notaufnahme. So konnte es schon mal f\u00fcnfzehn Minuten bis zur Ankunft am Einsatzort und \u00fcber drei\u00dfig Minuten zur Patientenanmeldung dauern. Hier ein paar Punkte die mir aufgefallen sind:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Rettungsdienst ist keine Staatsache. Eine Gesellschaft muss zwar als EMS (Emergency Medical Services) zertifiziert sein, aber es gibt hunderte verschiedene Rettungsgesellschaften. Alle haben andere Vorschriften, Uniformen und Ger\u00e4te und operieren meist von einem Krankenhaus aus.<\/li>\n<li>Es gilt fast immer Quantit\u00e4t vor Qualit\u00e4t. In Deutschland sind meist zwei Sanit\u00e4ter auf einem Einsatz, bei einem echten Notfall noch ein Notarzt und sein Assistent. Aber in den USA sind teilweise f\u00fcnf oder sechs Sanit\u00e4ter vor Ort. Und dazu noch mindestens vier Polizisten. Fast immer sind Polizisten mit am Ort.<\/li>\n<li>Die Wartezeiten in den Krankenh\u00e4usern sind enorm, selbst f\u00fcr den Rettungsdienst. Laut einem Arzt in der Notaufnahme ist die durchschnittliche Wartezeit f\u00fcr einen Notfall in New Yorker Krankenh\u00e4usern ca. zwei Stunden. F\u00fcr Nicht-Notf\u00e4lle sieben Stunden. In jedem Krankenhaus waren in der Notaufnahme mindestens vier weitere Sanit\u00e4terteams vor uns in der \u201eSchlange\u201c. Das liegt zum Teil an der Rettungsstrategie. In Deutschland ist es: \u201eM\u00f6glichst vor Ort versorgen\u201c. Hier ist es \u201eLoad and Go\u201c, also egal was ist, einladen und am Krankenhaus deponieren.<\/li>\n<li>Die Hygienevorschriften sind wesentlich lockerer als in Deutschland. Kontaktfl\u00e4chen werden nach Patiententransport nicht desinfiziert und es werden nicht immer Handschuhe getragen<\/li>\n<li>Die Befugnisse sind stark beschnitten. Statt Kranken- und Rettungswagen gibt es BLS und ALS (Basic Life Support und Advanced Life Support). BLS d\u00fcrfen weniger machen als Rettungssanit\u00e4ter in Deutschland. D.h. nicht einmal Blutzucker messen. ALS d\u00fcrfen hingegen sogar mehr als Rettungsassistenten in Deutschland. D.h. Medikamente ohne Notarzt geben.<\/li>\n<li>Die Freundlichkeit l\u00e4sst oft zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Die Sanit\u00e4ter sind oft ruppig und ungeduldig. Aber meine Stichprobe ist viel zu klein, um das abschlie\u00dfend sagen zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Signal und Horn werden nach Lust und Laune benutzt. Was in Deutschland Leitstellengenehmigung ben\u00f6tigt ist in New York situationsabh\u00e4ngig. Wenn starker Verkehr ist wird auch gerne bei Nicht-Notf\u00e4llen das Signal verwendet. Zudem ist das Ger\u00e4usch nicht zweit\u00f6nig wie in Deutschland, sondern h\u00f6chst variable, je nach Laune. Das Horn hat sechs verschiedene T\u00f6ne die nach Belieben auch alle gleichzeitig ein Konzert von sich geben k\u00f6nnen. <a title=\"Police Siren Sound Effects\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4APBvMmKubU\" target=\"_blank\">HIER\u00a0<\/a>gibt es eine kleine Vorschau dazu.<\/li>\n<li>Es gibt im Prinzip keine Rettungswache, au\u00dfer einem kleinen B\u00fcrozimmer im Krankenhaus. Zwischen Eins\u00e4tzen verbringt man Zeit im Rettungswagen und spielt mit dem Handy. Teilweise auch w\u00e4hrend der Fahrt! Und der Motor l\u00e4uft immer!<\/li>\n<li>Der Gebrauch von Technologie ist 1A. Alle Wagen sind mit GPS und Bordcomputern ausgestattet. Alles l\u00e4uft digital. Man kann sogar in den 911-Anruf reinh\u00f6ren.<\/li>\n<li>Der Typ Mensch ist sehr \u00e4hnlich. Gewiefte Scherzbolde, teils ruppig und arrogant, aber sehr herzlich und weltnah. Gebrauch von vielen Schimpfw\u00f6rtern und doppeldeutigen Witzen. Durchaus witzig!<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es war auf jeden Fall eine spannende Zeit und in New York wird einem als Sanit\u00e4ter sicherlich nie langweilig.<\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche habe ich mir einen kleinen Traum erf\u00fcllt. Nach meinem Jahr als Sanit\u00e4ter beim DRK und zwei Jahren als Student in den USA wollte ich die beiden unbedingt mal kombinieren. Seit Beginn war ich auf der Suche nach einer Connection in den Rettungsdienst. 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