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Neue Wohnung, neuer Job, neuer Lebensabschnitt

Da ich meine Blogeinträge chronologisch halten wollte sind folgende Neuigkeiten schon knapp zwei Monate alt: Wie es den meisten schon aufgefallen sein wird, bin ich noch nicht wieder in Deutschland. Bis das passiert wird auch noch eine Weile vergehen. Ich wollte nach dem Studium schon seit einer Weile noch gerne hierbleiben und die Arbeitswelt kennenlernen. Das MBA-Studium war so eng an die hiesige Berufspraxis geknüpft, dass es mir seit dem zweiten Semester schon unter den Fingernägeln gebrannt hat diese auch selbst zu erleben. Da es mit einem Praktikum letztes Jahr nicht geklappt hatte, hatte ich dieses Jahr alles daran gesetzt nach dem Studienende etwas passendes zu finden. Ich hatte mich bei vielen Top-Unternehmen auf viele Stellen beworben und meinen Lebenslauf unter die Leute gebracht. Doch alles half nichts und ich kam nicht einmal zum Interview. Mein Visumsstatus machte mir mal wieder das Leben schwer. Primär aus zwei Gründen: Zum einen konnte ich eine Arbeitserlaubnis nur für eine Dauer von maximal fünfzehn Monaten beantragen. Und desweiteren musste ich bis spätestens eine Woche vor Studienende ein Jobangebot vorlegen, da die Erlaubnis nur mit gültigem Visum beantragt werden konnte. Selbiges lief nämlich am Tag der Abschlussfeier ab. Das machte es sowohl für mich als auch für den potenziellen Arbeitgebeer sehr unattraktiv.

Zwei Monate vor Abschluss hörte ich mit den Bewerbungen auf, da ich keinen einzelnen Erfolg vermelden konnte. Ich war deprimiert und geschockt, dass nicht einmal globale Konzerne in den USA internationale Bewerber schätzen. Aber ich gab nicht auf und änderte meine Taktik. Ich nutzte bestehende Kontakte und fragte herum. Zudem bewarb ich mich auf Zeitarbeitsstellen, da diese oft interessante unternehmensberaterische Jobs bieten, aber zeitlich auf ein Projekt begrenzt sind. Langsam kamen dann kleine Erfolge und ich wurde immerhin zu Interviews geladen. Mit einer Zeitarbeitsfirma kam ich auch nah an ein Angebot. Aber die Zeit lief davon und ich hatte nur noch eine Woche bis zum Ablauf der Visumsfrist.

Doch in letzter Minute schlug das Glück dann doch zu. Ich bekam einen Anruf von einem Manager einer Firma, bei der ich mich vor etlichen Wochen schon beworben hatte. Ich wurde gefragt ob ich an der Stelle noch interessiert sei. Ich sagte: “Ja, aber ich werde die Bewerbung nicht weiterverfolgen. Ich muss in spätestens einer Woche ein Jobangebot vorlegen. Das ist zu knapp.” Dennoch wurde ich gebeten mich bei Interesse dringend zu melden. Weil ich nichts zu verlieren hatte tat ich dies und knackte den Jackpot. Ich war anscheinend an die richtige Person geraten, denn schon am nächsten Tag wurde ich zum Interviewmarathon geladen. Und zwei Tage vor der Frist wurde mir tatsächlich ein schriftliches Angebot vorgelegt!

Das war Mitte Mai. Mittlerweile bin ich seit einem Monat Vollzeit angestellt und erlebe mit Neugier den Wechsel ins Berufsleben. Es ist zwar anstrengend jeden – und wirklich jeden – Tag früh raus zu müssen und erst Abends müde nach Hause zu kommen. Dafür genieße ich es keine “Hausaufgaben” zu haben und die Wochenenden zur freien Verfügung zu haben. Ich arbeite im Supply Chain Management als Change Manager direkt an der Schnittstelle zwischen Unternehmen und Kunden. Ich kriege also sowohl fachliche, als auch beraterische Erfahrung. Mein Büro ist direkt in New York City und dank einem weiteren Glückfalls kann ich bequem morgens zur Arbeit laufen.

Ein Fulbright-Kollege aus New York ist für ein halbes Jahr im Ausland und suchte jemanden der auf seine Wohnung aufpasst. Auch dieses Angebot nahm ich ohne zu zögern an. Zudem es nicht irgendeine Wohnung ist, sondern ein geräumiges Apartment an der Upper East Side, einem der teuersten Gebiete der Stadt. Ich habe einen Teilblick auf den Central Park und bin gut an die U-Bahn angebunden.


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Ich durchlebe zur Zeit eine der tollsten Phasen meines Lebens: Studienabschluss im Ausland in der Tasche, ausgiebigen Urlaub genossen, einen klasse Job in New York und eine Wohnung im Herzen der Stadt. Ab jetzt kann es also nur bergab gehen. 😉

Aber mal ernsthaft: Ich muss mich wirklich zwingen regelmäßig einen Schritt zurück zu treten und mein Leben als ganzes betrachten. Ich bin unbeschreiblich gedemütigt und dankbar diese einmaligen und exklusiven Erfahrungen machen zu dürfen. Jeden Tag und jede Minute versuche ich mit aller Kraft das alles nicht zum Alltag werden zu lassen. Ich freue mich jeden Tag wenn ich aufstehe, bleibe beim Weg zur Arbeit oft stehen, schließe die Augen und atme tief ein. Ich lasse die Gerüche und Geräusche meiner Lieblingsstadt auf mich einwirken und spüre wie es mich glücklich macht, mich hier ein kleines bisschen eingebürgert zu fühlen. Dann öffne ich die Augen und schaue an mir herunter. Ich sehe mich im Anzug und mit Laptoptasche und kann jedes Mal kaum glauben, dass ich hier tatsächlich mein Berufsleben beginnen durfte.

Ein Tag als Rettungssanitäter in New York

Letzte Woche habe ich mir einen kleinen Traum erfüllt. Nach meinem Jahr als Sanitäter beim DRK und zwei Jahren als Student in den USA wollte ich die beiden unbedingt mal kombinieren. Seit Beginn war ich auf der Suche nach einer Connection in den Rettungsdienst. Diese habe ich dann dieses Semester auch gefunden, in Form eines Kommilitonen an meiner Uni.

Ich habe am Dienstag dann zwei EMTs (Emergency Medical Technician, vergleichbar mit einem deutschen Rettungssanitäter) 11 Stunden auf der Tagschicht begleitet. Die Rettungswache war zwischen der Upper East Side (ein sehr teures Wohngebiet) und Harlem (dem recht kriminellen und runtergekommenen Gebiet im Norden Manhattans) im Mount Sinai Hospital angesiedelt. Das bediente Gebiet ist sehr klein, im Vergleich zu Bad Dürkheim, allerdings ist die Bevölkerungsdichte auch viel höher.

Im Folgenden erst ein kleines Tagesprotokoll, gefolgt von einigen Observationen und Vergleichen zu Deutschland:

  • 7:00am: Schichtbeginn und Vorstellung im Krankenhaus
  • 7:43am: Erster Einsatz. Unkontrollierte verwirrte Person in einer U-Bahnstation. Ein Obdachloser der wenige Minuten zuvor illegale Drogen konsumiert hatte. Transport mit Polizei ins Krankenhaus.
  • 9:10am: Darmverstopfung in einem Altenheim. Patient spricht kein Englisch und verweigert Transport. Behandlungsverzichtserklärung unterschrieben.
  • 10:00am: Herz-Kreislaufstillstand im selben Haus. Reanimation und Beatmung. Leider ohne Erfolg.
  • 10:45am: Materialaufstockung im Krankenhaus.
  • 11:02am: Arterieller Verschluss im linken Bein. Erneut im Altenheim. Patient ist blind und spricht kein Englisch. Kommunikation schwierig. Transport ins Krankenhaus.
  • 12:08pm: Vasovagale Synkope. Übelkeit und Schwindel eines Feuerwehrmanns. Transport ins Krankenhaus.
  • 1:29pm: Gefangenentransport mit Polizeibegleitung. Patient ist auf dem Weg in eine Psychiatrie aus einem fahrenden Rettungswagen gesprungen, wurde von der Polizei festgenommen und in unserem Wagen weitertransportiert.
  • 3:14pm: Verkehrsunfall. Leichte Verletzungen durch Airbag. Transport ins Krankenhaus.
  • 4:00pm: Erste Pause des Tages. Kurzes Mittagessen vom Supermarkt.
  • 4:38pm: Geistig verwirrte Person. Jugendlicher Patient aus den „Projects“ in Harlem. Transport ins Krankenhaus
  • 6:00pm: Schichtende

Es gab definitiv genug zu tun an dem Tag. Die primären Zeitfresser waren allerdings der starke Verkehr in New York und die Wartezeit in der Notaufnahme. So konnte es schon mal fünfzehn Minuten bis zur Ankunft am Einsatzort und über dreißig Minuten zur Patientenanmeldung dauern. Hier ein paar Punkte die mir aufgefallen sind:

  • Der Rettungsdienst ist keine Staatsache. Eine Gesellschaft muss zwar als EMS (Emergency Medical Services) zertifiziert sein, aber es gibt hunderte verschiedene Rettungsgesellschaften. Alle haben andere Vorschriften, Uniformen und Geräte und operieren meist von einem Krankenhaus aus.
  • Es gilt fast immer Quantität vor Qualität. In Deutschland sind meist zwei Sanitäter auf einem Einsatz, bei einem echten Notfall noch ein Notarzt und sein Assistent. Aber in den USA sind teilweise fünf oder sechs Sanitäter vor Ort. Und dazu noch mindestens vier Polizisten. Fast immer sind Polizisten mit am Ort.
  • Die Wartezeiten in den Krankenhäusern sind enorm, selbst für den Rettungsdienst. Laut einem Arzt in der Notaufnahme ist die durchschnittliche Wartezeit für einen Notfall in New Yorker Krankenhäusern ca. zwei Stunden. Für Nicht-Notfälle sieben Stunden. In jedem Krankenhaus waren in der Notaufnahme mindestens vier weitere Sanitäterteams vor uns in der „Schlange“. Das liegt zum Teil an der Rettungsstrategie. In Deutschland ist es: „Möglichst vor Ort versorgen“. Hier ist es „Load and Go“, also egal was ist, einladen und am Krankenhaus deponieren.
  • Die Hygienevorschriften sind wesentlich lockerer als in Deutschland. Kontaktflächen werden nach Patiententransport nicht desinfiziert und es werden nicht immer Handschuhe getragen
  • Die Befugnisse sind stark beschnitten. Statt Kranken- und Rettungswagen gibt es BLS und ALS (Basic Life Support und Advanced Life Support). BLS dürfen weniger machen als Rettungssanitäter in Deutschland. D.h. nicht einmal Blutzucker messen. ALS dürfen hingegen sogar mehr als Rettungsassistenten in Deutschland. D.h. Medikamente ohne Notarzt geben.
  • Die Freundlichkeit lässt oft zu wünschen übrig. Die Sanitäter sind oft ruppig und ungeduldig. Aber meine Stichprobe ist viel zu klein, um das abschließend sagen zu können.
  • Signal und Horn werden nach Lust und Laune benutzt. Was in Deutschland Leitstellengenehmigung benötigt ist in New York situationsabhängig. Wenn starker Verkehr ist wird auch gerne bei Nicht-Notfällen das Signal verwendet. Zudem ist das Geräusch nicht zweitönig wie in Deutschland, sondern höchst variable, je nach Laune. Das Horn hat sechs verschiedene Töne die nach Belieben auch alle gleichzeitig ein Konzert von sich geben können. HIER gibt es eine kleine Vorschau dazu.
  • Es gibt im Prinzip keine Rettungswache, außer einem kleinen Bürozimmer im Krankenhaus. Zwischen Einsätzen verbringt man Zeit im Rettungswagen und spielt mit dem Handy. Teilweise auch während der Fahrt! Und der Motor läuft immer!
  • Der Gebrauch von Technologie ist 1A. Alle Wagen sind mit GPS und Bordcomputern ausgestattet. Alles läuft digital. Man kann sogar in den 911-Anruf reinhören.
  • Der Typ Mensch ist sehr ähnlich. Gewiefte Scherzbolde, teils ruppig und arrogant, aber sehr herzlich und weltnah. Gebrauch von vielen Schimpfwörtern und doppeldeutigen Witzen. Durchaus witzig!

Es war auf jeden Fall eine spannende Zeit und in New York wird einem als Sanitäter sicherlich nie langweilig.